Vom Pizzabacken im Schlafanzug und deutsch-italienischer Versöhnung.

Vom Pizzabacken im Schlafanzug und deutsch-italienischer Versöhnung.

Oder wie Nando aus der italienischen in die deutsche Provinz zog, von einem Stammgast das Privileg des einzigen Holzbackofens inmitten der Pücklerstadt erhielt und schließlich zum Maskottchen und zur Betriebskantine des heimischen Fußballclubs wurde.

Pizza, Fußball und Herz – das sind die Zutaten einer deutsch-italienischen Freundschaftsgeschichte inmitten der Pückler-stadt. Geschrieben hat sie ein verrückter Italiener, der gleich nach der Wende nach Cottbus kam und später in jenen Zeiten, als Cottbus in der Bundesliga kickte, den Proviant für den wohl härtesten Club der Liga lieferte. Fragt man die Pücklerstädter heute nach dem Weg in die Deffkestraße, wird man wohl nur fragende Blicke ernten. Fragt man sie hingegen, wo sich das „Da Nando“ befindet, werden sie genau den Weg in jene Straße erklären, die sie nicht kennen. Warum man sie besser in Strada Da Nando umbennen sollte, erklärt wohl die folgende Geschichte.

Aniello „Nando“ Navarra wuchs in der italienischen Küstenstadt Salemo auf, die etwa in Höhe des Schienbeins auf dem „Stiefel“ liegt, genau in der Nachbarbucht Neapels. Er entstammt einer Familie von Pizzabäckern, Großvater, Vater und beide Brüder haben nie etwas anderes machen wollen. Nach der Lehre entfloh er dem armen Süden Italiens, wo einem Pizzabäcker nach drei Monaten Hochsaison im Sommer stets neun karge Hungermonate bevorstanden. Mit 19 Jahren zog er in die Welt und landete im kleinen Saarlouis, in dem zufällig eine Pücklerstädterin urlaubte. Jene kehrte allabendlich in denselben Italiener ein, war hin und weg von dessen Pizza und warb schließlich den Pizzabäcker ab. So verschlug es Nando mit 22 Jahren, nur ein Jahr nach der Wende, in die Pücklerstadt. Hier war es wiederum ein Stammgast, der ihm in einer seiner Immobilien nicht nur sein erstes eigenes Restaurant ermöglichte, sondern den Traum vom Pizzabacken, wie er es im Küstenstädtchen Salemo gelernt hatte. Eine richtige italienische Pizza kennt kein Blech, kein Gas, sie wird von Holz befeuert und direkt im Steinofen gebacken. Es war ein kleines Wunder, inmitten der Stadt die Genehmigung für einen Holzofen zu bekommen – und so schob Nando zum Jahresbeginn 2000 die erste Pizza in den heute knallbunten Holzofen, dessen Fliesen er selbst in gelb, rot, blau und grün angemalt hat und der ein bisschen an den bizarren Arlecchino erinnert, jene italienische Version des Harlekins, die als verrückter Diener und Spaßmacher wohl einen guten Teil von Nandos Gemüt wiederspiegelt. Denn genau das macht ihn bis heute aus: Er ist einfach immer für alle da, er bäckt, macht Service, wäscht ab, scherzt – und hat ein Riesenherz für seine Gäste. Nur das Herz für den Fußball kann da noch mithalten – und genau diese Verbindung sorgte gleich mit der Eröffnung seiner Pizzeria für kuriose Geschichten.

Damals wurde sein Da Nando schnell zum Stammlokal der Energie-Profis. Der Brasilianer Franklin Bittencourt sollte hier 15 Jahre hintereinander die eigenen Geburtstage und die seiner Familie feiern. Als der Brasilianer in einem Bundesliga-Derby die Hertha mit zwei Treffern abschoss, lüftete er sein Shirt und ganz Deutschland las den Gruß auf seinem Unterhemd: „Ciao Da Nando“ – und abends saß er wieder beim verückten Italiener, bei seiner Lieblingspizza mit Spinat, Gorgonzola, Tomatensoße und Käse, die bis heute als Pizza Franklin in der Karte steht.

Eine weitere Geschichte ist noch skurriler. Sie erzählt von einer Weihnachtsfeier des Clubs, die aufgrund eines fehlenden Buffets kurzerhand ins Da Nando verlegt wurde. Nachts um 1 Uhr holte das Team Nando aus dem Bett, der im Schlafanzug vom Pizza- zum Weihnachtsbäcker wurde.

Wie tief die deutsch-italienische Liebe geht, zeigte die WM 2006, als Italien Deutschland im Halbfinale in den letzten Spielminuten der Verlängerung aus dem Turnier schoss. Im Da Nando flossen Tränen, im Italy-Zylinder tröstete der Sizilianer seine Stammgäste und es entstand ein Foto mit einer Kellnerin im Deutschland-Dress, das am Folgetag die komplette Titelseite der Tageszeitung füllte. Es war für viele Pückler-städter Balsam für die Seele, Schmerz und Freude mit Nando zu teilen. Fünf Tage später packten ihn Cottbuser Stammkunden kurzerhand ein und nahmen ihn mit zum Finale, wo er im Vip-Bereich mit Podolski plauderte und hautnah dabei war, als seine Squadra Azzurra Weltmeister wurden.

Im Da Nando schlug immer das Herz des Clubs, hier flossen Tränen und Wein, mit Ede Geyer vernichtete Nando an einem Abend drei Flaschen Wein und eine Flasche Grappa. Aber auch Promis wie Karl Dall und Cobra 11-Star Tom Beck hinterließen Erinnerungen an seiner „Trophäenwand“.

Einmal pro Jahr geht es noch nach Hause, an die italienische Küste. Sonntags sitzt dann die „la familia“ am Tisch, ab 12 Uhr für drei Stunden. Und auch wenn die Familie eine Dynastie der Pizzabäcker ist, hat zu Hause doch immer noch Mama gekocht. Es ist diese gelassene Lebensart, die in der Deffkestraße ein bisschen das Flair einer italienischen Hafenstadt erzeugt. Wenn Nando nach dem Anfeuern des Holzofens am späten Vormittag auf der Terrasse seinen Kaffee trinkt, grüßt wirklich jeder Passant mit einem freundlichen und lauten „Buongiorno“. Im Grunde lebt man hier schon in der Strada Da Nando, es hat nur jemand versehentlich vergessen, die Straßenschilder auszuwechseln.

www.danando.pizza 

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